Zwei Wochen Begegnungsreise nach Ghana

Auf dem Markt

Wir waren nur eine kleine Gruppe, die sich am 30. August in Richtung Ghana auf den Weg machte: unser Reiseleiter Pfarrer Martin Sie, unser ehemaliger Pfarrer Matthias Hambücher, der inzwischen in St. Martinus in Kornwestheim Pfarrer ist, und Hartmut und Andrea Gsell aus St. Theresia. Und wir hatten gerade mal zwei Wochen Zeit, um uns ein kleines Bild von dem Land und den Leuten zu machen, in dem Pfarrer Martin sein Projekt realisieren möchte: die Gründung des „Bischof Owusu Institut für Bildung und Seelsorge, Pastoralpsychologie und Mental Health“.

Pfarrer Martin hatte für uns erst in der Hauptstadt Accra für drei Tage und dann in seiner Heimatdiözese Sunyani im Westen Ghanas jeweils ein Haus organisiert, wo wir vier wohnten. So konnten wir jeden Tag ganz unkompliziert zusammen frühstücken, und auch für manch ein Abendessen wurden wir von der Schwester von Pfarrer Martin in Sunyani versorgt: eine gute Lösung, wenn wir den ganzen Tag unterwegs gewesen waren. Für den Transport stand jeweils ein gemietetes Auto zur Verfügung, so dass wir flexibel in alle Himmelrichtungen ausschwärmen konnten. Die nicht immer asphaltierten und auch mal holprigen Straßen verlangten einige Fahrkünste, selten kamen wir auf mehr als 30 bis 40 km/Stunde im Schnitt.

Ausflug zur Sklavenburg

Sklavenburg Elmina

Unser erster großer Ausflug führte uns von Accra an der Küste entlang nach Elmina, einer Kleinstadt mit einer der strahlendweißen Sklavenburgen Ghanas. Über 30 dieser Festungen wurden von Europäern dort gebaut. Die in Elmina wurde im Jahr 1482 von Portugiesen gebaut und war anfangs in erster Linie ein Handelszentrum mit den Einheimischen. Später wurden hier Sklaven gefangen gehalten und vor allem in Richtung Amerika verschifft. Die Sklaven wurden hier ohne Kleidung und oft in völliger Dunkelheit in Zellen auf dem harten Steinboden aneinander gekettet. Es gab keine Toiletten und das Essen wurde einfach in die Verliese geworfen. Dieses Martyrium konnte bis zu 3 Monate dauern, bevor die Überlebenden gebrandmarkt auf die Schiffe verladen wurden. Auf der Tür von der Festung heraus zu den Schiffen stand „door of no return“, „Tür ohne Rückkehr“. Eine Führung durch einen solchen Ort des Grauens geht unter die Haut.

Besuch im Kakao-Forschungsinstitut

Als wir am nächsten Tag gut 2 Stunden ins Landesinnere nach Akim-Tafo fuhren, hatten wir ein ganz anderes Ziel: das Kakao-Forschungsinstitut von Ghana. In einer zweistündigen Führung erfuhren wir mehr über den Anbau des „braunen Goldes“ von Ghana, denn der dortige Kakao wird als der beste in der Welt eingeschätzt. Vorbei an verschiedenen Kakao- und auch Kaffeebäumen gelangten wir an einen idyllischen kleinen Stausee. Unweit wurden Kakaofrüchte geöffnet, das Fruchtfleisch wurde herausgelöst und durch einen Gährprozess fermentiert. Die dadurch herausgelösten braunen Kakaobohnen wurden anschließend an der Sonne getrocknet. Der Besuch vor den Laborräumen gab uns danach einen Einblick, wie optimal fermentierte Kakaobohnen aussehen und wir durften endlich kosten, wie sie zu Schokolade verarbeitet schmecken.

Grundschulbesuch

Pfarrer Martin macht’s möglich: ein vielfältiges Begegnungsprogramm

Pfarrer Martin hatte seine zahlreichen Kontakte in der katholischen Community ausgenutzt und für uns viele Besuche organisiert: in mehreren Priesterseminaren, der katholischen Universität, in zwei Kirchengemeinden, einem Krankenhaus, einer Grundschule mit Kindergarten, in einer Katechetengruppe, einer Krankenstation, in zwei Klöstern und zwei Marienpilgerstätten, einem Friedhof, in einer (von einem Priester gegründeten) diözesanen Näherei, bei einem Chorwettbewerb und natürlich auch im bischöflichen Ordinariat und beim Bischof.

Ein kurzer historischer Exkurs

Schon vor 150.000 bis 200.000 Jahren wurde Ghana erstmals von Menschen besiedelt. Heute ist es ein tropischer Vielvölkerstaat mit ca. 35 Millionen Einwohnern und 79 verschiedenen Sprachen. Unser Glück war, dass die Amtssprache Englisch ist.

Nachdem die Portugiesen 1471 Ghanas Küste erreichten, landeten später vor allem die Niederländer, Dänen und Engländer dort und interessierten sich sehr für den Handel mit Gold und Gewürzen. Ab dem 17. Jahrhundert begann mit dem Sklavenhandel ein besonders brutales Kapitel der Kolonialzeit, als auch einheimische Kaufleute ihre Landsleute als Sklaven im Tausch gegen begehrte Waren auslieferten. Während der Handel in den ersten Jahrhunderten noch gleichberechtigt verlief, erwarben die Briten im 19. Jahrhundert immer größere Regionen in Ghana von den anderen Kolonialmächten, bis sie die einzige verbleibende Kolonialmacht waren. Im Jahr 1900 gewannen sie einen letzten Krieg gegen die Volksgruppe der Aschanti und sicherten sich so die britische Herrschaft bis 1945. Nach einer unruhigen Übergangszeit erlangte Ghana im Jahr 1957 die Unabhängigkeit. Nach den zwei folgenden Republiken und zwei Putschen mit zwei Militärherrschaften gilt Ghana seit dem Jahr 1993 als Demokratie.

Ghana: ein Land der Kontraste

Kathedrale in Surany

Ghana hat im Vergleich zu den Nachbarländern einen höheren Grad an Wohlstand erreicht, wobei die Schere zwischen Arm und Reich groß ist. Es gibt genug und auch große Autos, um in Städten in der Rushhour lange Staus zu verursachen, aber das Hauptfortbewegungsmittel sind die eigenen Füße. Die Wohnsituation zwischen großen von Mauern umgebenen Eigenheimen und einfachen Lehmhütten machte die krassen Unterschiede deutlich. Das Bildungssystem ist zwar gut entwickelt und es gibt eine Alphabetisierungsrate von ca. 80%, aber 2019 gingen die Kinder im Schnitt nur 7,3 Jahre zu Schule.

Ghana: ein christliches Land mit schnell wachsender Bevölkerung

Uber 70% der Menschen gehören einer christlichen Kirche an (18 % Protestanten, 28,3 % Pfingstkirchen, 13 % Katholiken). 17% der Ghanaer gehören zum Islam.

Pfarrer Martin stammt aus der Diözese Sunyani. Als Stadt war Sunyani noch 1990 von großen Wäldern umgeben, von denen nur einzelne, kleinere Waldgebiete übrig sind. Inzwischen ist es die Hauptstadt des Bundesstaates Bono mit ca. 119.000  Bewohnern. Allein seit dem Jahr 2000 ist die Bevölkerung um 27 % gewachsen und hat ein Durchschnittsalter von nur 19,5 Jahren.

Pfarrer Martins Heimat: die Diözese Sunyani        

Die Diözese Sunyani wurde erst im Jahr 1973 gegründet und ging damals mit gerade einmal 3 Priestern an den Start. Aber schon 1997 wurde die Diözese Goaso und 2007 die Diözese Techiman ausgegliedert. Heute zählen zu den gut 222.000 Katholiken in den 7 Dekanaten und insgesamt 64 Gesamtkirchengemeinden der Diözese Sunyani bereits137 Diözesanpriester und mit den Ordenspatres insgesamt 168 Priester, 650 Katecheten, 86 Priesteramtskandidaten,150 Grundschulen und 12 Krankenhäuser und Kliniken. Zusätzlich sind je 6 Frauen- und Männerorden mit teilweise mehreren Klöstern in der Diözese vertreten. Wichtig zu wissen: es gibt eine Partnerschaft zwischen den Diözesen Rottenburg-Stuttgart und Sunyani.

Wir waren dankbar und beeindruckt, weil wir in dieser lebendigen Diözese an so vielen Stellen mit großer Offenheit, Freundlichkeit und Gastfreundschaft begrüßt wurden. Oft wurden wir von der Leitung der Einrichtung persönlich durch zahlreiche Räume geführt und ausführlich informiert und konnten unsere Fragen stellen. Auch in 3 Gottesdiensten wurden wir am Schluss persönlich begrüßt. Wie schön, dass beim Jugendgottesdienst auch Raum für ein paar persönliche Fragen und Botschaften war.

Besuch beim Bischof

Besuch beim Bischof

Bischof Matthew Kwasi Gyamfi (der bis jetzt zweite Bischof in der Diözese Sunyani) hat uns an einem Sonntagabend im Bischofshaus empfangen, obwohl er an diesem Tag schon eine Firmung mit über 90 Firmlingen hinter sich hatte und am nächsten Tag zum großen katholischen Jugendtreffen für Westafrika in die Hauptstadt Accra aufbrach.

Mit ihm kamen wir vor allem über die Geschichte seiner Diözese und das von Pfarrer Martin geplante pastoralpsychologische Institut ins Gespräch. Bischof Matthew sieht das Ziel dieses Instituts darin, auf die zahlreichen persönlichen Nöte der Menschen in den Gemeinden kompetent antworten zu können und auch die Mitarbeiter zu diesem Zweck fortzubilden. So sprach der Bischof die Situation von vielen jungen Menschen an, die durch Social Media in die Lebenswelten des Westens eintauchen und durch die Unterschiede zu ihrer eigenen Lebenswirklichkeit in eine Identitätskrise geraten. Der Generalvikar sagte an anderer Stelle, dass er ein Problem in der großen Armut von manchen Menschen dort sieht, die sie körperlich und seelisch krank macht und zu Depressionen führt. Das Institut wird auch da sein für traumatisierte Menschen, solche mit Suchtproblemen, erlittenem Missbrauch oder in beruflichen und familiären Krisen. Klar wurde, dass ein solches Institut eine Lücke füllt, wo die Vermittlung von Glaubensgewissheiten durch die klassische Seelsorge allein nicht mehr reicht, sondern wo professionelle therapeutische Hilfe ansteht, da von staatlicher Seite noch keine derartigen Hilfs- und Beratungsangebote vorliegen.

Ort und Team: gute Voraussetzungen für das „Bischof Owusu Institut“

Mariengrotte

An einem Sonntagnachmittag durften wir auch am Ortsrand von Sunyani im Grünen das große Gelände des Pastoralen Zentrums besuchen und „bewandern“, wo Priester, Ordensleute und Laien in Workshops und Seminaren aus- und weitergebildet werden. Auch einfache Übernachtungsräume sind vorhanden. In der hintersten Ecke des Geländes befindet sich ein abgetrennter Bereich mit einer kleinen Anlage für Besinnungstage und Exerzitien. Wie uns der Bischof erzählte, ist bereits angedacht, dort in der Nachbarschaft ein kleines Gebäude für das pastoralpsychologische Institut zu errichten.

Neben Pfarrer Martin Sie haben sich vier weitere Kollegen – Priester und Ordensleute – für die Mitarbeit im geplanten Institut qualifiziert. Vier weitere befinden sich noch in der Ausbildung in verschiedenen Bereichen der Psychologie, der psychischen Gesundheit, der Beratung, der Therapie usw. und werden zukünftig ebenfalls im Institut mitarbeiten. Das bedeutet, dass es zwar die Experten gibt, aber es fehlt an geeigneten Räumlichkeiten für die Praxis, wo sie Menschen treffen und auf ihre Bedürfnisse eingehen können. Deshalb ist dieses Institut für die Diözese und die Bevölkerung so dringend notwendig.

Hausaufgaben für Pfarrer Martin

Straßenmarkt

Der nächste Schritt, und das war auch der Auftrag von Bischof Matthew, muss jetzt von Pfarrer Martin mit Unterstützung seiner Diözese gegangen werden, nämlich das Ausfüllen der umfangreichen Antragspapiere für sein Projekt bei einem deutschen, katholischen Hilfswerk. Es geht nicht nur um eine genaue Beschreibung des Projekts, sondern auch um eine Planung und Kalkulation für das zu errichtende Gebäude und für andere, weitere Kosten. Ein solcher Antrag ist in allen deutschen Diözesen verpflichtend und muss bewilligt werden, um mit einer professionellen Evaluierung und Akkreditierung durch das Hilfswerk einen guten Start für ein Gemeindeprojekt in einem anderen Land zu haben und auch eine weitere Betreuung. Aber eigentlich hat Pfarrer Martin schon längst im Kleinen begonnen: vor zwei Jahren und auch in diesem Sommer hat er in Ghana erste Ausbildungsseminare durchgeführt und damit einen ersten Startschuss für sein Projekt gegeben. Im September ging es u.a. in einem zweitägigen Seminar mit 35 Teilnehmern um das  Thema „Seelsorge und Mental Health“.

Ein paar gute Nachrichten zum Schluss

Niemand von uns hat aus Ghana Malaria mitgebracht (die Tigermücken in Weilimdorf stechen viel öfter zu als die Moskitos dort), die Temperaturen stiegen nie über 30 Grad, wenn auch die Luftfeuchtigkeit von 70 bis 80% die Luft ganz schön schwül machte, und außerdem hat uns tagsüber trotz Regenzeit draußen kein einziger Schauer erwischt. Außerdem hatte irgendjemand für uns Deutsche extra Haferflocken und ein Joghurtgetränk zum Frühstück besorgt, und das war mit Mangos, Papayas, Bananen und Ananas einfach umwerfend.  

(Andrea Gsell)